Kundenrezensionen – Cybermobbing als Freizeitspaß

Als ich den Testbericht eines neuen Autos las und dann über das Foto des Tachos stolperte, der immer noch auf Null stand, der Wagen jedoch über 100.000 Kilometer Teststrecke absolviert haben sollte, wurde ich nicht stutzig, zumal das Foto bereits vorher gemacht worden sein könnte. Auch am Abend im Restaurant, als mir der Kellner zuflüsterte, dass am Nebentisch ein Restauranttester säße, der eine Frikadelle nicht von einer Auster zu unterscheiden wüsste, wurde ich nicht stutzig.

 

Es ist scheinbar ein neuer Freizeitspaß oder gar ein Trend, dass sich Personen, die von einer bestimmten Angelegenheit den nötigen Sachverstand missen lassen, dazu berufen fühlen, diese zu beurteilen und mit Attributen versehen.

 

Hier sind es Daumen und dort sind es Sterne. Früher war es so, dass zunächst eine Qualifikation nachgewiesen werden musste, welche eine bestimmte Person befähigte, rezensieren zu können. Heutzutage stürzt sich jeder, der über einen Internetanschluss verfügt ins Gewühl und rezensiert nach Herzenslust. Solange man für sich spricht und allein seine Meinung abgibt, ist das ok.

 

Komm auf die dunkle Seite der Macht.

 

Der letzte Schrei: Rezensionen schreiben, ohne das zu rezensierende Buch gelesen zu haben. Auch hier wird die persönliche Profilneurose mit einem Stern zum Ausdruck gebracht, den man in seiner Güte dennoch gewillt war, zu verleihen. Ein Stern ist immerhin besser, als gar kein Stern. Aber keinen Stern kann man nicht vergeben. Man kann höchstens darauf verzichten, sich der Angelegenheit zu widmen, welche es zu rezensieren gilt.

 

Jetzt bringen wir noch den Joker „Zeitersparnis“ ins Spiel, um maximalen Spaß zu genießen. Der Rezensionstext unterliegt keinem Verfalldatum und wird daher erneut verwendet. Das sind die wahren Vorzüge von „Copy & Paste“. Mit exakt demselben Wortlaut wird direkt ein zweites Buch verziert und auch hier erweist sich der Rezensent spendabel und rückt einen Stern raus. Bedenkt man, was die Leute in den Dschungelcamps für einen Stern zu tun bereit sind, läuft jene Angelegenheit erheblich geschmeidiger ab.

 

Aber zurück zur Zeitersparnis. Während andere Leute ihre teure Zeit in den Hörsälen der Unis verplempern und sich mit Theaterwissenschaften, Literaturgeschichte oder Germanistik zudröhnen, geht der eher Unbedarfte Internetbesucher mit Phantasienamen dazu über, sein Unvermögen in Worte zu kleiden. Cybermobbing als Variante des Frustabbaus?

 

Überstunden die nie stattgefunden haben. In Rechnung gestellte Ersatzteile, die entweder nicht geliefert oder nie verwendet wurden. Erschwindelte oder hinterzogene Gelder. Unterschlagene Beträge. Rezensionen über ungelesene Bücher mit anschließender Veröffentlichung, um der Welt einen Beweis seiner persönlichen Fragwürdigkeit zu hinterlassen. All das wirft man in eine Kiste und so langsam bekommt man ein Gespür dafür, wie und wo der Hase läuft.

 

 

Lutz Spilker