Der Charme der MLM-Homeparty

Ding-Dong! Ding-Dong! Es ist 18.00 Uhr und Cinderella Friedelmann ist ganz aufgeregt, da die angekündigten Gäste für die MLM-Homeparty bereits eine lange Schlange bis hinunter zum Erdgeschoss im Treppenhaus bilden. Cinderella wohnt im ersten Stock, eines in dezentem Grau gestrichenen Hochhauses und hat alles perfekt für die 25 erwarteten Gäste, ganz nach dem Firmenleitfaden, vorbereitet.

Durch das Treppenhaus wabert der Geruch von Kohlsuppe mit einem Hauch von Kümmel und die Nachbarskinder haben ihre Gummistiefel extra an die Seite gestellt, weil diese wissen, wie wichtig es für Cinderella ist, dass ihre Gäste freie Bahn bis zum ersten Stock haben. Schließlich ist unten am Eingang nicht so viel Platz wie in einem Hotelfoyer. Von oben dudelt durch die angelehnte Haustürritze die Musik von Mustafa, einem guten Freund aus Anatolien, der eigentlich auch gern gekommen wäre, aber unerwartet Familienbesuch aus der Heimat erhielt. Die ganze Familie ist mit einem alten VW-Bus angereist und hat auch reichlich Teppiche mitgebracht, damit Mustafa diese über den hellgrauen Linoleumboden auslegen kann, wegen der Gemütlichkeit. Gleich wird die Tür geöffnet, denn unter den Gästen im Treppenhaus steigt die Anspannung ins Unermessliche, weil jeder weiß, daß die Homepartys bei Cinderella wie Weihnachten sind.

 

Erlebniseinkäufe sind der Trend des 21. Jahrhunderts

Kurz noch ein Blick durch das Guckloch in der Tür und dann öffnet Cinderella das Schleusentor und die Gäste strömen unaufhaltsam in die kleine 30m² Wohnung mit Loft-Charakter. Es ist ein wenig wie bei „Harrods“, auch da sind die Massen nicht mehr zu bremsen, wenn die Drehtüren erst einmal entriegelt wurden. Cinderella hat genau den Homeparty-Leitfaden befolgt und so stehen überall kleine Trinkgläser, die mit Tempo-Taschentüchern ausgeschlagen wurden, um den Salzstangen den entsprechenden Rahmen zu geben. Zum Empfang gibt es erst einmal Rotkäppchen Grand Cru und kleine Gouda-Häppchen am Zahnstocher mit gespießten Bioweintrauben aus Mazedonien. Es dauert nicht lange und die Stimmung scheint, ganz wie im Handbuch beschrieben, überzukochen. Als Cinderella den Effekt der neuesten Creme aus den USA vorführt, die, wie es kaum jemand erwartet hat, einfach so wie von Zauberhand sofort in die Haut einzieht, drehen die Frauen wie auf einem Beatles-Konzert völlig durch. Eine fällt sogar in Ohnmacht und man kann von Glück reden, daß der Linoleumboden an der Stelle, an der sie aufschlug, doppelt verlegt wurde. „Skin-Revolution“, der Hersteller, hält eben, was er verspricht und ruck-zuck sind alle zehn Packungen weg. Ein Umsatz, den niemand erwartet hatte und der sogar den statistischen „Homeparty-Umsatz-Durschnitt“, wie er im Leitfaden angegeben ist, mehr als übertrifft. Das riecht ganz stark nach einer Sonderauszeichnung auf der nächsten Firmenveranstaltung, auf der Cinderella dann von ihrem Erfolgsgeheimnis auf der Bühne berichten darf.

 

Weil alles so persönlich ist, sind sich die Gäste nach drei Stunden auch ein wenig näher gekommen. Klar, die Luft steht ein wenig im Raum, deswegen wurde schon die Schlafzimmertür halb geöffnet. Die einzige Toilettenpapierrolle war bereits nach 15-Minuten aufgebraucht und die zwanzig Flaschen Rotkäppchen Grand Cru sind auch leer, genauso wie die 500 Gramm-Packung Gouda. Auch im Kühlschrank in der Küche, die im amerikanischen Stil direkt in das Wohnzimmer übergeht, ist nichts Eßbares mehr zu finden, stellt einer der neuen Gäste fest. Es ist spät geworden und einige Partygäste wollen langsam aufbrechen, nachdem auch nachts um drei Uhr der Nachbar nicht mehr bereit ist, alle fünf Minuten jemanden auf seine Toilette zu lassen. So blitzartig, wie alle kommen sind, ist die gute Stube wieder leer. Nur noch Cinderellas beste Freundin ist geblieben, um noch einmal gemeinsam den phantastischen Abend Revue passieren zu lassen. Es war wirklich gut und Cinderella schaut noch einmal ganz verträumt die "Homeparty-Leitfaden-Broschüre" von dem Verband an, in dem ihr Unternehmen auch Mitglied ist.

 

Auf der Rückseite steht in großen Buchstaben:

WIR SCHAFFEN ERLEBNISSE – IHR PARTNERUNTERNEHMEN IM DIREKTVERTRIEB

 

Und es stimmt, dem ist nichts mehr hinzuzufügen, denn durch den Cocoonig-Effekt, den Faith Popcorn in den 90ern prophezeite, wird sich der Direktvertrieb auch noch die nächsten zehn Jahre gegen die eiskalt inszenierte Verkaufsmaschinerie in den großen Shoppingmalls, in denen niemand mehr mit den Kunden redet, behaupten können. Komisch ist nur eines. Was macht Tupperware dort bloß mit seinen vielen Ständen und warum reden plötzlich alle vom Internetboom? Ändert sich langsam schleichend etwas in der Branche?

 

Marco dela Rosa

http://www.secrets-of-network-marketing.com